Das Große Beben

Aber immer ging es friedfertig zu, es war ein Ort des Friedens, dieser Kaufmannsladen. An diesem Abend allerdings nicht. Heute herrschte hier Jammer und Angst und Verzweiflung. Denn Melcher Melcherson hatte das Große Beben und machte mehr Lärm, als die gesamte Bevölkerung der Insel jemals zustande gebracht hatte. »Jetzt muß etwas getan werden«, schrie er. »Ich will, daß alle Zollboote und Lotsenstationen und Leuchtturmwärter und Helikopter und Flugzeugambulanzen im ganzen Norden jetzt eingesetzt werden! Jetzt auf der Stelle!« Er starrte Nisse an, als ob dieser die Pflicht hätte, für all das zu sorgen. Malin nahm ihren Vater flehentlich am Arm. »Lieber Papa, beruhige dich ein bißchen!« »Wie soll ich mich beruhigen, wenn ich im Begriff bin, vaterlos zu werden!« brüllte Melcher. »Ich meine – ach was, ihr wißt, was ich meine!“ (Ferien auf Saltkrokan, Astrid Lindgren)


Das Große Beben, so beschreibt Astrid Lindgren einen gefürchteten Gemütszustand von Melcher Melcherson, einem Protagonisten ihres wunderbaren Buches „Ferien auf Saltkrokan„. Melcher, verwitweter Vater von vier Kindern, ist ein liebenswürdiger Schriftsteller, etwas schusselig, ein Kindskopf mit dem Herzen am rechten Fleck. Aber von Zeit zu Zeit regt er sich über irgendetwas so fürchterlich auf, dass Angst und Wut ihn komplett übermannen. Er ist seinen Gefühlen dann hilflos ausgeliefert, sie brechen sich Bahn in einem schrecklichen Anfall: Dem Großen Beben.

Gestern gab es auch bei uns ein Großes Beben, nämlich als ich meinem Sohn seinen Kochlöffel wegnahm, weil mein Trommelfell zu platzen drohte. Später dann noch ein Großes Beben, weil auf dem Spielplatz die Schaukel besetzt war. Und noch eins weil – ich weiß es schon gar nicht mehr. Die Beben mehren sich jedenfalls bei uns gerade, sie werden stärker und furchteinflößender, sind kaum vorher zu sagen und ziehen häufig eine Serie fieser kleiner Nachbeben hinter sich her. Und bevor ich mich jetzt hier mit noch mehr Metaphern vergallopiere und euch einen von Richterskala und Seismologen erzähle, sage ich euch eins, was die allermeisten von euch wahrscheinlich schon wissen und zwar bereits viel besser als ich: Puh, das ist ganz schön anstrengend!

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Diesen Gesichtsausdruck kenne ich nur zu gut: Das Große Beben ist nah! Bildquelle: http://www.pixabay.com; PublicDomainPictures / 18043 Bilder; Lizenz: CC0 Public Domain

In allererster Linie ist es allerdings mal anstrengend für den Sohnemann. Denn während ich ungläubig davor stehe und denke (oder auch sage): „Die Schaukel wird aber doch bestimmt in zwei Minuten wieder frei!?!?!“, geht für den kleinen Kerl tatsächlich gerade die Welt unter: Alles hat sich gegen ihn verschworen, wie kann das sein, er möchte schaukeln und es geht nicht! Er fühlt sich unverstanden, im Stich gelassen!

Woher soll er wissen, dass die Schaukel gleich frei wird – und selbst wenn, was nützt ihm das? Er möchte JETZT schaukeln und hat noch keine Vorstellung von zeitlichen Perspektiven. Dass ich ihn zudem noch körperlich daran hindere, geradewegs zur Schaukel zu krabbeln, in der gerade ein anderes Kind kräftig vor- und zurückschwingt, das empfindet er als riesengroße Gemeinheit. Und mal ganz ehrlich: Wenn ich mich wirklich in seine Situation herein versetze, kann ich das total nachvollziehen.

Aber in der Situation selbst fällt es mir manchmal schwer. Ja, ich gebe zu, ich war gestern ein bisschen überfordert. Hier stehe ich mit meinem knallroten brüllenden Kind auf dem Arm und der halbe Spielplatz guckt: Was ist denn da los? (In Wirklichkeit sind die wahrscheinlich einfach alle froh, dass ihr Kind gerade ganz zufrieden ist..) Mein Kind ist todunglücklich, kaum zu beruhigen und ich fühle mich unzulänglich. Allerlei nutzloses Zeug geht mir durch den Kopf, während ich meinen Sohn festhalte und versuche, ihm Trost zu spenden. Wäre mein Oberstübchen etwas besser sortiert (und hätten wir schon etwas mehr Beben-Routine), dann hätten mich folgende Überlegungen schneller wieder in die Spur gebracht, und deshalb will ich sie mit euch teilen:

  1. Diese Wutanfälle sind vollkommen normal und ein wichtiger Teil der frühkindlichen Entwicklung. Die Autonomiephase (früher „Trotzphase“ genannt) beginnt. Das Kind entdeckt seinen eigenen Willen. Das passiert bei jedem gesunden Kind früher oder später. Es wird uns in den nächsten Jahren begleiten und sicher noch viel heftiger werden (hurra).
  2. Auch „negative“ Gefühle sind wichtig und erlaubt. Das Kind lernt sie kennen und wir Bezugspersonen können (und sollten) helfen, indem wir empathisch begleiten und benennen: „Du bist wütend. Das sehe ich und es tut mir leid. Ich bin bei dir.“
  3. Nein, es handelt sich nicht um gezielte Provokationen, böse Absicht oder Machtspiele. Hier ist jemand verzweifelt, und das kann man nicht spielen (jedenfalls nicht in dem Alter).
  4. Ablenken oder verharmlosen: Keine gute Idee! Wer dem Kind sagt, „ist nicht so schlimm“, nimmt ihm auf die Dauer das Vertrauen in seine eigenen Gefühle, denn für das Kind IST es in dem Moment schlimm. Es ist wichtig, dass wir seine Gefühle ernst nehmen und ihm die Chance geben, diese kennen zu lernen. Deswegen sollte man auch nicht ablenken, sondern begleiten.
  5. Liebevolles Begleiten bedeutet: Da sein, Nähe und Trost anbieten, gemeinsam aushalten, Gefühle benennen und ernst nehmen, Verständnis haben.
  6. Wir sind die Erwachsenen. Wir wissen, dass eine besetzte Schaukel nicht den Untergang der Welt bedeutet, und genauso wissen wir, dass ein Wutanfall vorbei geht. Von uns kann also im Prinzip erwartet werden, dass wir unsere Genervtheit angesichts dieser Situation weitgehend im Griff haben.
  7. Wir müssen unseren Kindern aber nichts vorspielen. Wenn wir von Zeit zu Zeit mal echt angestrengt von solchen Situationen sind, dürfen wir authentisch sein und das auch sagen. Und wenn wir einen Fehler machen und einmal weniger Verständnis mit dem Kind haben, weil uns gerade der Geduldsfaden gerissen ist, ist auch das nicht so schlimm, solange wir uns entschuldigen und dem Kind erklären, was gerade los war.
  8. Wir sollten aber nicht vergessen: Anstrengend sind diese Phasen vor allem für unsere Kinder! Sie brauchen uns, unsere feinfühlige und liebevolle Begleitung in diesen aufreibenden Momenten. Also, tief durchatmen, ruhig bleiben und Fels in der Brandung sein!  ❤

*Disclaimer: Ich bin ja keine Pädagogin oder sowas, also hat das hier keinerlei Anspruch auf Richtigkeit! Das hier ist einfach nur der aktuelle (und nicht in Stein gemeißelte) Reim, den ich mir so mache, auf das, was ich gerade erlebe mit meinem Söhnchen, und auf das, was ich aus unserem Fenkid-Kurs mitnehme und was ich lese, zum Beispiel in diesen hervorragenden Texten zum Thema Autonomie-Phase (bzw. letzterer eher so allgemein):

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