Flucht geht alle etwas an!

Auch wenn ich mal gesagt habe, dass ich meine Leserschaft mit politischen Äußerungen weitgehend verschonen will: Heute ist zum ersten Mal der Punkt erreicht, mit diesem Vorsatz zu brechen. Seit Tagen gehen sie mir nicht mehr aus dem Kopf, die vielen verzweifelten Menschen, die nach wochen- oder monatelanger Odyssee Deutschland erreichen, auf der Flucht vor Zuständen, die wir uns hier nicht vorstellen können. Möglicherweise haben sie unterwegs Angehörige verloren. Sicher aber haben sie Traumata erlitten, einen Großteil ihres Besitzes verloren und sind entwurzelt und zutiefst verunsichert. Nun kommen sie hier an, am Ziel ihrer Reise Träume Wünsche FLUCHT, und erfahren Ablehnung, Hass, Unverständnis (sowie Chaos, Bürokratie, Ungewissheit).

Ich las so viele fürchterliche Dinge in den letzten Tagen. Zum Beispiel von einer jungen Frau, die einer Helferin in Berlin sagte, ihren dreijährigen Sohn hätten die Schlepper über Bord geworfen, weil er weinte. Dies sei noch nicht mal ungewöhnlich. Ich konnte und kann diese Geschichte nicht vergessen. Sie hat so viele grauenhafte Dimensionen. Was für Menschen sind diese Schlepper? Wie kann die Mutter weiterleben nach all diesem Horror und Zynismus, es geschafft zu haben und doch das Liebste verloren zu haben? Wie viele Kinder liegen eigentlich auf dem Grund des Mittelmeeres? Jeden Abend, wenn ich zum Babysohn ins Familienbett krabbele, mich vergewissere dass er atmet und warm ist, muss ich daran denken. Es raubt mir den Schlaf. Wie erst ergeht es denen, die das wirklich erlebt, und nicht nur davon gehört haben?

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die kuckucks haben den Kleiderschrank ausgeräumt und ein bisschen im Freundeskreis gesammelt. Bei Sachspenden ist wichtig: Bedarfslisten der jeweiligen Stadt beachten!

Und nun sind Hunderte, nein Tausende, dieser Menschen in meiner Stadt, leben unter uns, oder versuchen es zumindest. Sie versuchen, zu verarbeiten, was sie erlebt haben; mit dem zu leben, was ihnen widerfahren ist und was sie nicht verhindern konnten. Sie versuchen, einen Eindruck zu bekommen von dem Ort, an dem sie gelandet sind, machen Zukunftspläne, möchten sich ein neues Leben aufbauen, wieder nach vorne schauen können. Und dabei haben sie so viele Hürden zu nehmen, angefangen bei den allerkleinsten Dingen des Alltages: Wie versorge ich meine Kinder, ganz ohne Geld? Ich las von einer Hebamme, die (ebenfalls in Berlin) ehrenamtlich Schwangere, Mütter und Babies versorgt. Babies mit schrecklich wundem Po, weil sie seit Tagen ein und die selbe Windel tragen müssen. Das klingt banal, verglichen mit Babies, die auf dem Meeresgrund liegen. Aber trotzdem ist es gemein, erniedrigend und bestimmt wahnsinnig schmerzhaft. Muss das sein? Und zwar mitten in Berlin, mit Drogeriemärkten und zig mal am Tag frisch gewickelten Kindern an jeder Ecke?

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Gute Sache: http://www.blogger-fuer-fluechtlinge.de/

Ich will dieses ganze Elend nicht. Ich will wenigstens helfen, es zu mildern. Meine Zeit, meine Kraft und mein Geld reichen nicht für große Heldentaten, aber irgendetwas kann JEDER tun. Deshalb finde ich die Aktion #bloggerfuerfluechtlinge super und mache gerne mit! Wir Blogger versuchen – egal, um welche Themen unser Blog sich normalerweise dreht – unsere Leserschaft zu mobilisieren. Es gibt eine große Spendenaktion, die Hilfsinitiativen in den einzelnen Städten unterstützt. Es gibt Infos und zahlreiche Links zu Sachspenden und ehrenamtlichem Engagement. Und vor allem gibt es mittlerweile eine große Vielzahl an Blogs aus den unterschiedlichsten Bereichen, die über die Flüchtlingsthematik schreiben und die Message weitertragen: Es ist wichtig, dass wir alle solidarisch sind und diesen Menschen helfen. Egal, ob mit Geld, einer Stunde Zeit, einer gespendeten Packung Windeln, einer Willkommenspostkarte nach Heidenau, ein paar gut erhaltenen Winterklamotten aus dem Kleiderschrank, oder einem Spendenaufruf im Freundeskreis: Bitte helft mit, es ist so einfach!

4 Gedanken zu “Flucht geht alle etwas an!

  1. Hallo Christine,
    ich finde deinen Aufruf wirklich wichtig, Sina hat auch schon Kleider und ähnliches gespendet. Genauso wichtig ist es, dass jeder der sich mit der Thematik befasst auch mal zumindest im Ansatz schaut, wer die Heimat dieser armen Menschen zerbombt hat. Wer hat die Kriege dort angezettelt hat „falsche Rebellen“, Freiheitskämpfer oder ähnliches unterstützt. Wir waren es an vielen Stellen selbst (Berlin). Die westlichen Staatengemeinschaft hat in all diesen Konflikten die deeskalierend gewirkt. Die Nato in Brüssel und natürlich Washington haben auch mit deutscher Unterstützung z.B. Lybien in Schutt und Asche gelegt. Egal was uns über Gaddafi alles erzählt wird und wurde, es war ein funktionierendes Land mit funktionierender Infrastruktur. Im Irak wüten seit Jahren Kriege, hier ein Lichtblick, Kanzler Schröder wehrte sich gegen eine Intervention und wurde danach schleichend von den Medien kaputt gemacht, dass Resultat haben wir heute mit Frau Merkel. Washington, Saudi Arabien und wahrscheinlich Israel unterstützten seit Jahren bei Regimesturz in Syrien ganz fragwürdige Kräfte. Unsere Bundesregierung ist immer mit von der Partie und sorry, eine rot-grüne Regierung wäre es auch. In Deutschland gibt es reichlich amerikanische Militärbasen von denen aus Drohneneinsätze und Militäreinsätze koordiniert werden. Es findet eine massive amerikanische Aufrüstung in Deutschland und Osteuropa gen Russland statt. Mein Aufruf geht in die Richtung auch unser eigenes „Regime“ und System zu hinterfragen damit wir nachher nicht selbst zu Flüchtlingen zu werden. Aufmerksam bleiben ist angesagt.

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    1. Hallo Thomas,

      danke für deinen ausführlichen Kommentar. Natürlich hast du Recht, die (Hinter-)Gründe der aktuellen Flüchtlingskatastrophe müssen genau betrachtet und hinterfragt werden. Das Vorgehen der deutschen Regierung finde ich innen- wie außenpolitisch katastrophal, peinlich und beschämend. Ich sehe aber präzise politische Analysen nicht als Kerngeschäft meines Blogs, da komm ich irgendwie nicht mit klar und werde etwas wirr, muss in der Familie liegen 😉

      Spaß beiseite, was zum Beispiel Lybien und Gaddafi angeht, bin ich darauf angewiesen, was erzählt und berichtet wird, denn ich war nie dort. Und also lese ich von Folter und anderen grauenhaften Regime-Verbrechen und würde mich dagegen verwehren wollen, von einem funktionierenden Land zu sprechen..

      Einig wären wir uns hingegen in dem Punkt, kritisch zu bleiben und auch das eigene System zu hinterfragen.

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  2. Danke für diesen Text. Gerade heute habe ich mich gefragt, was machen Mütter auf der Flucht, die keine Windeln haben, mit ihren Babies? Eine komische Frage? Nein. Auch das eine Frage der Menschenwürde. Ich werde also auf jeden Fall noch Windeln spenden und Wundcreme.

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