Schlafenszeit: Rituale, soweit das Auge reicht

Zwei klebrige kleine Hände kneten hektisch meinen Hals, nesteln in meinem Gesicht herum, friemeln durch mein Haar. Gleich werden die Bewegungen allmählich langsamer werden. Die Brille rechtzeitig abzulegen, habe ich mir mittlerweile angewöhnt. Die Haare binde ich ganz straff zusammen, trotzdem findet der Babysohn immer irgendwo eine Strähne, an der er ansetzen kann auf dem Weg zur systematischen Frisurzersetzung. Wenn er nachher schläft, werde ich ihm ein paar ausgerissene Haare aus den Fingerchen winden, damit er sich die nicht nachts in den Mund steckt.

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Irgendwann schläft der Babysohn ja dann doch immer ein. Die Dunkelheit hilft (wenn auch nicht der Bildqualität).

Aktuell ist unser Einschlafritual: stillen, anschließend schmusen, das Gefriemel über sich ergehen lassen, geduldig warten. Mal schläft er gleich beim Stillen ein, mal braucht er danach noch 20 Minuten, erzählt mir von seinem Tag. Auch wenn es meinen Haaren nicht gut tut, genieße ich diese Situationen. Wenn die Augen allmählich kleiner werden, die Bewegungen ruhiger, tiefe Seufzer die zunehmende Entspannung anzeigen: dann werde auch ich ruhiger, spüre die Verbundenheit zu meinem Baby und bin froh, ihm in den Schlaf helfen zu können.

Außerdem gehe ich davon aus, dass dieses „Ritual“ (welches also eigentlich keines ist) in wenigen Tagen schon wieder von einem anderen abgelöst werden wird, denn keine Einschlafstrategie hat bei uns bisher länger überlebt als maximal zwei Wochen. Nach und nach nutzen sie sich ab und etwas Neues ergibt sich. Wir hatten unter anderem schon:

  • Einschlafen beim herumlaufenden Papa auf der Schulter, ganz am Anfang. Sehr niedlich (winziges Baby, großer Mann ❤ )!
  • Einschlafen auf meinem Schoß im Schaukelstuhl, den Blick auf das Mobile gerichtet, während ich Beatles-Lieder singe
  • Einschlafen während man im Wiegengriff durch das dunkle Zimmer getragen wird und am Schnulli nuckelt; der / die Tragende möge bitte Meeresrauschen imitieren
  • Einschlafen im Bett liegend, während ich leise pfeife und seine Hände halte
  • Einschlafen im Tragetuch (gefolgt von promptem Erwachen beim Ausbinden; wurde nicht zur Lieblingsstrategie)
  • Und immer wieder in allen Phasen: Einschlafen beim Stillen (was wiederum aber auch phasenweise überhaupt nicht funktionierte)

Manchmal, zur Zeit der großen Bauchweh-Krisen und elterlichen Überforderung der ersten Wochen, gab es aber auch die fürchterliche Situation des Einschlafens vor Erschöpfung nach ausdauerndem Schreien – von einer Sekunde auf die andere: Augen zu, vom Schlaf einfach übermannt. Zum Glück ist das schon lange nicht mehr vorgekommen.

Wenn ich merke, dass eine gerade lieb gewonnene Strategie sich abnutzt und nicht mehr gut funktioniert, bekomme ich trotzdem jedes Mal einen leichten Panik-Anflug: Werde ich einen neuen Weg finden, den kleinen müden Menschen zu beruhigen, bis er loslassen kann und einschläft? Bis jetzt hat es sich zum Glück immer irgendwie von selbst ergeben, dass dann plötzlich doch etwas ganz anderes „funktioniert“, oder etwas altes erneut.

Vielleicht kommt ja auch irgendwann mal wieder eine Zeit, in der das Babysöhnchen sich von seinem Vater ins Bett bringen lässt – seit dieser wieder arbeiten geht, scheint er dafür nämlich leider nicht mehr qualifiziert zu sein. Irgendwann aber in einigen Jahren wird der Zeitpunkt kommen, wo mein Baby nicht mehr „in den Schlaf begleitet“ und auch nicht mehr ins Bett gebracht werden möchte. Bis dahin werde ich versuchen, diese Momente zu genießen, die friedlichen, schönen, aber auch die zähen, langwierigen. Denn schon jetzt ahne ich, wie schnell die Zeit plötzlich vergehen kann…

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