„Das ist nur der Trennungsschmerz, das ist normal!“

Der Sohn und ich sitzen auf der Bank im Flur der Kita und halten uns aneinander fest. Es ist Freitag der zweiten Woche der Eingewöhnungszeit. Gerade haben sie mir mein tränenüberströmtes Kind zurück gebracht. Es nuckelt am Daumen, die andere Hand hält meine Hand sehr fest. Sein Gesicht ist rot und fleckig vom Weinen, immer wieder holt er tief und schaudernd Luft. Ich habe meine Arme um ihn gelegt und fühle mich wie erstarrt, weiß nicht was ich tun oder sagen soll. Warum habe ich das zugelassen? Gleich werden sie mich zum Gespräch bitten und mir sagen, ich würde so unentspannt wirken. Ich müsse auch loslassen. Der Trennungsschmerz sei ganz normal. Ich versuche, meine Gedanken zu sortieren, am Wochenende führe ich lange Gespräche mit dem Mann:

Was spricht gegen die Krippe?

Eine ganze Menge: Weder gibt es wirtschaftliche Zwänge, aufgrund derer ich wieder arbeiten müsste, noch endet meine Elternzeit, noch fällt mir die Decke auf den Kopf, halte ich es zuhause nicht mehr aus.

Insbesondere aber der Verlauf der Eingewöhnung macht mir zu schaffen. Zwar wird immer wieder mit mir das Gespräch gesucht, das ändert aber nichts daran, dass ich mit zunehmend ungutem Bauchgefühl morgens zur Krippe gehe. Ich versuche, den Sohnemann optimistisch und unvoreingenommen dorthin zu begleiten, spreche in seiner Gegenwart nur positiv über die Krippe, und versuche, den Pädagoginnen zu vertrauen – schließlich haben die die Expertise und die Erfahrung.

Am Ende sind aber vielleicht die besten Experten für ein Kind doch dessen Eltern. Und unser Gefühl – dem Mann berichte ich sehr engmaschig – wird immer mulmiger. Bisher wurden vier Trennungsversuche an vier aufeinander folgenden Tagen unternommen, zunächst nur wenige Minuten (2-3), am Freitag dann 15 Minuten. Jedes Mal weint unser Sohn heftig und lässt sich von seiner Bezugserzieherin nicht beruhigen. Trotzdem gibt es am nächsten Tag gleich die nächste Trennung, Freitag dann mit der Ansage, ab jetzt müsse man allmählich mal das Tempo anziehen. Der Trennungsschmerz sei normal, und ein Gutteil des „Affektes“ sei gar kein Schmerz, sondern Wut. Aha. Also ich kann nur sagen, wenn der zuhause mal wütend ist, hört sich das aber anders an…

Stehe ich noch dahinter?

Was spricht dafür?

Schaue ich mir die gut eingewöhnten Kinder in der Gruppe, das ganze Gruppengefüge, den Personalschlüssel, das Konzept und den Umgang mit den Kindern an, komme ich zu dem Schluss: Eigentlich ist dies eine relativ gute Einrichtung. Alle Kinder werden wahrgenommen, mitgenommen, egal, wie sie gestrickt sind. Kein großer Frühförderungs-Schnickschnack, sondern jeden Tag an die frische Luft, selbstwirksam spielen, sich ausprobieren. Außerdem viel Singen, gesundes Bio-Essen, klar strukturierte Räumlichkeiten mit verschiedenen Bereichen, die die Kinder aufsuchen können. Einigermaßen vertretbare Regeln und Erziehungs-Ansätze. Eher wenig und hochwertiges Spielzeug, viele Naturmaterialien. Die Krippe kommt daher wie aus dem Katalog für Akademiker-Eltern Ü30, deren erstes Kind namens Alexander Leopold Justus* es gut haben soll…

Würde auch mein Sohn irgendwann zu den gut eingewöhnten Kindern gehören, könnte er hier halbtags eine schöne Zeit haben, und nachmittags und abends wäre er wie gehabt bei uns. Eigentlich eine Ideal-Vorstellung. Außerdem könnte ich wieder arbeiten (wenn auch nur Teilzeit), das wäre finanziell nett und ich habe meinen Job durchaus gerne gemacht. Wüsste ich, dass der Kleine sich in der Krippe wohl fühlt, würde ich sehr gerne wieder ins Büro gehen.

Allein: Er fühlt sich nicht wohl. Und wie feinfühlig kann seine Betreuung nach der Eingewöhnung sein, wenn schon in der Eingewöhnung so elementar über seine Gefühlslage hinweg gegangen und sein Schmerz nicht ernst genommen wird?

Und dann:

Und dann sitze ich am Montag nachmittag auf dem Spielplatz in der Sonne, beobachte meinen Sohn beim buddeln und komme mit der Mutter entzückender Zwillings-Jungs ins Gespräch. 13 Monate alt sind die beiden, die Mutter offenbar schwanger und alle drei sehen zufrieden und entspannt aus. Ich äußere meine Bewunderung für Zwillingseltern und frage, ob die Jungs in die Krippe gehen.

„Nein“, sagt sie kopfschüttelnd, und nimmt ihre Sonnenbrille ab, „dafür ist mein Herz zu weich. Die Zeit, die sie bei uns zuhause sind, geht so schnell vorbei. Natürlich ist es anstrengend, aber ich möchte das nicht missen.“ Sie erzählt von einem Praktikum in einer Krippe, dass sie vor einigen Jahren gemacht hat. Von weinenden Kindern, für die niemand Zeit hatte. „Und Ihr Sohn, geht der in die Krippe?“

„Nein“, sage ich, und es fühlt sich so gut an. „Wir haben es versucht, und heute haben wir abgebrochen. Es ging für ihn gar nicht, und also ging es auch für uns nicht.“

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Wir richten unser Tempo weiterhin nach unserem Söhnchen.

Nachsatz

Natürlich ist mir klar, dass es nicht in jeder Krippe weinende Kinder gibt, um die sich niemand kümmert. Das Gespräch auf dem Spielplatz tat mir trotzdem gut. In unserer Zeit ist die Mutterrolle so überfrachtet mit Anforderungen und Klischees. Gehen wir drei Monate nach der Geburt wieder arbeiten, sind wir herzlos und karrieresüchtig. Bleiben wir länger als ein Jahr zuhause, sind wir Glucken und Helikopter-Muttis, die ihre Kinder verzärteln. Egal, ob es ums schlafen, stillen, impfen oder die Beikost geht: Überall gibt es Fronten, jeder weiß es besser, um uns herum tobt ein erbitterter Wettstreit um die perfekte Mutterschaft, um die perfekte Frauenrolle, um das perfekte Kind.

Dabei zählt doch eigentlich nur eins: Dass wir auf unser Herz, unsere innere Stimme hören, und dass jede von uns gemeinsam mit ihrer Familie den Weg findet, der sich für sie und ihre Kinder gut und richtig anfühlt. Die Bandbreite dabei ist heute größer denn je, und das ist doch auch gut so!

Der Mann und ich sind total erleichtert, seit wir am Wochenende die Entscheidung getroffen haben, unser Söhnchen aus der Krippe zu nehmen. Der Druck der vergangenen zwei Wochen ist von uns gefallen, es fühlt sich einfach richtig an. Aber das ist natürlich nur UNSER Weg, und jeder andere kann anders aussehen.

Die Krippe hat übrigens sehr fair und freundlich reagiert und angeboten, unseren Vertrag vorzeitig aufzulösen, so dass wir nicht noch weitere Monate aufgrund der Kündigungsfrist zahlen müssen. Offenbar hat man auch dort gesehen, dass der Weg von Familie Kuckuck ein anderer ist.

Zum Weiterlesen

Wer mehr wissen möchte, zum Thema „Fremdbetreuung“, für den/die habe ich hier einige ausgewählte Links:


*Name frei erfunden! 😉

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2 Gedanken zu “„Das ist nur der Trennungsschmerz, das ist normal!“

  1. Schön geschrieben und genau auf den Punkt gebracht! Bei uns war es ähnlich – mit 18 Monaten haben wir zwei Krippenplätze abgesagt und ein paar Monate später dann mit einem Spielkreis (ohne Eltern) angefangen. Das war genau die richtige Entscheidung. Die Zeit mit den Kindern zu Hause geht sowieso viel zu schnell wieder vorbei! Ich freue mich über eure Entscheidung 🙂
    Liebe Grüße von der Verwandtschaft aus Hannover!

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