Co-Sleeping: Warum wir keine Angst haben

Heute vormittag las ich diesen Artikel im Müttermagazin bzw. der deutschen Huffpost und natürlich bin ich zutiefst erschüttert: Was diesen Eltern widerfahren ist, ist das schlimmste, was man sich vorstellen kann. Nicht nur haben sie ihren kleinen Sohn verloren, sondern sie fühlen sich dafür verantwortlich. Ich bin weit davon entfernt, dieses schreckliche Unglück diskutieren oder bewerten zu wollen und wünsche den betroffenen Eltern, dass sie es eines Tages vielleicht schaffen können, mit ihrer Trauer zu leben und auf eine schöne Zeit mit ihrem Sohn friedlich zurück zu schauen.

Aber auch mein Mann und ich schlafen mit unserem Sohn in einem Bett, und deshalb fühle ich mich bei dem Aufruf des Artikels, das Baby niemals ins eigene Bett zu holen, natürlich angesprochen. Ich möchte im Folgenden erklären , warum ich diese Empfehlung für schwierig und vor allem zu pauschal halte.

Co-Sleeping ist ein dehnbarer Begriff

Als ich schwanger war, stand für mich schnell fest, dass ich ein Beistellbett für das Baby haben möchte, damit ich nachts möglichst nicht aufstehen muss. Ich fing an, mich einzulesen und stieß dabei schnell auf den Begriff des Plötzlichen Kindstodes (englisch: sudden infant death syndrome, kurz: SIDS). Tatsächlich wird im Zusammenhang mit Risikofaktoren für SIDS immer wieder Co-Sleeping genannt, also das gemeinsame Schlafen des Babies mit den Eltern. Schnell stellte ich aber fest, dass es gar nicht so einfach ist, eine genaue Definition für Co-Sleeping zu finden, denn dazu zählen nicht nur das gemeinsame Schlafen in einem großen gemeinsamen Bett, sondern eben auch Anbaubetten, aber auch das ausnahmsweise gemeinsame Einschlafen aller Beteiligten im Elternbett (mit der Absicht, das schlafende Kind später wieder in sein Bettchen zu legen) oder auch das gemeinsame Einschlafen der erschöpften Mutter mit dem endlich schlafenden Kind auf einem Sofa oder Sessel.

Vertrackt, denn alle diese verschiedenen Schlaf-Varianten weisen ganz unterschiedliche Risiken für SIDS auf! Je mehr ich las, desto klarer wurde mir, dass man unbedingt differenzieren sollte, wenn man sich mit dem Thema SIDS befasst. Pauschale Ratschläge à la „holt niemals das Baby in euer Bett“ sind eigentlich nicht sehr hilfreich, auch wenn ich die Verzweiflung der Eltern in diesem Fall, und ihr Ansinnen, andere Eltern und Babies vor diesem Schicksal zu bewahren, natürlich sehr gut verstehen kann.

Risikofaktoren

Riskant sind bekanntermaßen Gegenstände im Bett des Babies, die zu einer Überwärmung oder Rückatmung von CO2 führen können, also Kissen, Decken (vor allem Daunendecken), Kuscheltiere. Außerdem ist die Bauchlage gefährlich, Babies sollten auf dem Rücken schlafen.

Was das Co-Sleeping angeht, gibt es ebenfalls Risikofaktoren, allen voran das gemeinsame Schlafen des Babies mit Personen, die Alkohol, Nikotin oder Drogen konsumiert haben. Als ziemlich gefährlich gilt auch das gemeinsame Schlafen der Mutter mit dem Kind auf einem Sessel oder Sofa, eine Situation, die sich dann einstellt, wenn es eben KEIN gemeinsames Familienbett gibt: Die übernächtigte und erschöpfte Mutter muss nachts um 4 zum Stillen aus dem Bett, wird im Sessel mit dem gemütlich an der Brust nuckelnden Baby vom Schlaf übermannt und dann passiert der schlimmste denkbare Albtraum…

Des weiteren passieren statistisch gesehen SIDS-Fälle beim Co-Sleeping vor allem dann, wenn das Baby nur ausnahmsweise mit ins elterliche Bett geholt wird, weil es zum Beispiel an diesem Tag kränkelte oder besonders weinerlich war. Auch wenn die Person, die neben dem Baby schläft, nicht ein Elternteil ist, sondern zum Beispiel der Babysitter, steigt das SIDS-Risiko sofort.

Zusammenfassend scheint also das routinemäßige Schlafen des gesunden, gestillten Babies im Familienbett neben der Mutter, die keinerlei Rauschmittel konsumiert hat, ungefährlich zu sein. Mehr noch, es kann auf diese Weise sogar das SIDS-Risiko gesenkt werden, das zeigen die Sicherheitsfaktoren.

Sicherheitsfaktoren

Neben einer sicheren Schlafumgebung (keine Daunendecken, Kuscheltiere etc.) gilt auch das Schlafen des Babies im Elternzimmer als ein Faktor, der das SIDS-Risiko senkt. Andersherum ist es also durchaus gefährlich, ein Kind, welches jünger als ein Jahr ist, alleine in seinem Kinderzimmer schlafen zu lassen – eine Information, die leider noch nicht sehr weit verbreitet ist!

Auch gestillte Kinder sterben seltener an SIDS. Hier muss wieder das Familienbett genannt werden, denn Co-Sleeping wirkt klar begünstigend für das Stillen, vor allem für das Stillen nach Bedarf (und nicht nach der Uhr). Liegt das Baby direkt neben seiner Mutter, kann es nachts jederzeit an der Brust trinken und die Mutter muss dafür nicht aufstehen. So kann sich ein ideal austariertes Gleichgewicht von Nachfrage und Angebot einpendeln, welches das Stillen für beide Beteiligten zu einer recht mühelosen und angenehmen Angelegenheit macht. Muss die Mutter allerdings nachts ihr Bett verlassen, weil sie feste Stillabstände einhält oder weil das Kind weint, wird das nächtliche Stillen schnell zu einer Belastung für sie, und das Baby wird möglicherweise früher abgestillt, als eigentlich ideal für seine Entwicklung und die SIDS-Prophylaxe wäre.

Unsere Erfahrungen

In den ersten Monaten, als unser Söhnchen noch nicht mobil genug war, um sich nachts selbst durch das Bett zu bewegen, schlief er brav in seinem Anbaubett. Wir hatten uns bewusst für ein größeres Anbaubett entschieden, als die handelsüblichen Varianten. So werden wir es noch eine ganze Weile beibehalten können, während z.B. ein babybay ja nach wenigen Monaten schon zu klein wird.

Weil das Stillen im Liegen bei uns anfangs nicht gut klappte, setzte ich mich nachts auf, wenn der Zwerg Hunger hatte. Beim Stillen schlief er (in der Regel) wieder ein und es war kein Problem, den schlafenden Babysohn zurück auf seine Seite zu legen. So bestand keine Gefahr, dass er zum Beispiel unter meine Bettdecke gerät.

Nach einiger Zeit (erst mit ca. vier Monaten) gab ich dem Stillen im Liegen nochmal eine Chance und diesmal klappte es schnell ziemlich gut. Nun brauchte ich mich nicht mehr aufzusetzen und so schlief ich auch selber immer häufiger beim Stillen gleich wieder ein. Zu diesem Zeitpunkt waren der Babysohn und ich aber schon ein eingespieltes Still- und Co-Sleeping-Team. Meine Instinkte und Reaktionen waren geschärft, das merkte ich immer wieder. Früher war ich auch durch direkt neben meinem Bett detonierende Feuerwerkskörper kaum zu erwecken, aber seit das Baby da war, war mein Schlaf viel leichter und ich merkte (und merke noch), wie ich immer wieder im Halbschlaf seinen Schlafsack, seine Temperatur, seine Atmung kontrollierte. So war ich sehr sensibel (und zunächst auch besorgt), als ich feststellte, dass wir nun manchmal beim Stillen direkt nebeneinander einschliefen.

Ich gewöhnte mir sofort ab, mich bis oben zuzudecken und zum Herbst kaufte ich mir einige warme, langärmelige Stilloberteile, damit ich nachts nicht fror. Dafür genoss ich nun die Nähe meines warmen Babies. Dieses wiederum war mittlerweile selbst in der Lage, sich umzudrehen. Mein Sohn schien instinktiv meine Nähe zu suchen, wenn ihm kühl war, und sich wegzudrehen, wenn ihm zu warm wurde. Nach und nach wuchs mein Vertrauen in ihn, in seine und meine Instinkte und in unsere Schlaf-Situation. Das Anbaubett nutzt er mittlerweile weniger, aber das bedeutet nicht, dass er gar nicht mehr darin schlafen wollen würde. Sehr angenehm finde ich, dass wir (mit einem ohnehin 180 cm breiten Elternbett plus 60 cm Anbaubett) ziemlich viel Platz haben, einander auch aus dem Weg zu gehen und nicht gezwungen sind, ganz nahe beieinander zu liegen. Außerdem kann das Baby durch das vergitterte Anbaubett nicht aus dem Bett fallen, ein weiterer wichtiger Sicherheitsfaktor für uns.

Mit seinen nun 10 Monaten stillt unser Babysohn noch ziemlich viel und auch nachts regelmäßig. Ich kann allerdings nicht sagen, wie oft und in welchen Abständen, weil ich davon gar nicht mehr richtig wach werde. Wir sind ein eingespieltes Team und schlafen alle drei gut (solange keiner erkältet ist). Wir lieben unsere gemütliche „Höhle“ (hier könnt ihr sie übrigens sehen), fühlen uns wohl darin, genießen die Nähe und können uns im Moment noch gar keine andere Schlafsituation vorstellen. Ab und zu fühlen wir uns zwar an diese lustige Kolumne oder an diese nicht ganz von der Hand zu weisenden Cartoons erinnert, aber solche Momente sind die Ausnahme 😉 .

Zum Weiterlesen

Ich kann allen Eltern und werdenden Eltern nur empfehlen, sich eingehend mit der Thematik SIDS und Co-Sleeping auseinander zu setzen. So fühlt man sich sicherer und kann den Weg wählen, mit dem man selbst sich für die eigene Familie am wohlsten fühlt. Zum weiterlesen eignet sich vor allem dieser ausführliche und differenzierte Text des renommierten Kinderarztes und Buchautors Herbert Renz-Polster, außerdem auch diese detaillierte und quellenreiche Ausarbeitung, die auch die Ausschlussdiagnose SIDS als solche genauer unter die Lupe nimmt und kritisch diskutiert, und für Menschen mit weniger Zeit, die eine Kurzfassung mögen, dieser Spiegel Online-Artikel von 2014.

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Unser Anbaubett (mittlerweile allerdings ohne die Kuscheltiere) ❤

 

4 Gedanken zu “Co-Sleeping: Warum wir keine Angst haben

  1. Danke für den Artikel. Auch bei uns viel die Entscheidung für das Familienbett schon in der Schwangerschaft, wir legten uns gleich gar kein Kinderbett zu 🙂 Unser Bett schließt auf meiner Seite mit der Wand ab, insofern liegt dort die Stillrolle und formt ein Nest fürs Baby, nun schon Kleinkind. Meine Tochter hat auch in der ersten Nacht nach der Geburt im Krankenhaus nicht im Beistellplastebett geschlafen, sondern nackt auf meinem Bauch oder neben mir. Angst hatte ich nie, mein Schlaf war sofort verändert, viel leichter, hellhöriger, sowie ich neben ihr lag, lag ich die ganze Nacht. Ihr den Rücken zuzudrehen, fühlte sich instinktiv völlig falsch an, wir lagen immer einander zugewandt und „schauten uns an“. Und ja, sie schlief unter meiner Decke und fühlte sich pudelwohl. Da ich viele Jahre in südlichen Kulturen umhergereist bin und dort die Kinder immer bei ihren Müttern im Bett, in der Hängematte etc. schlafen und das völlig normal ist, hatte ich einfach keine Bedenken. Ich schlafe viel besser, wenn meine Tochter neben mir liegt, als wenn ich die ganze Zeit horchen muss, ob sie in ihrem Bett zufrieden schlummert.
    Leider gibt es keine 100% Sicherheit und Garantie, dass unsere Kinder unbeschadet aufwachsen, auch wenn man alles versucht. Leider wird durch die vielen technischen Möglichkeiten den Eltern eine Art Bringschuld aufgelastet, die so nicht besteht und die es im Leben nicht gibt.

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  2. Prima geschrieben!
    Wir sind auch Co-Sleeping Fans und werden es mit Nr. 2 genauso machen.
    Ich habe kein Auge zumachen können, als Mini anfing im eigenen Bett zu schlafen. Es war schrecklich, aber sie gab das Zeichen dafür und ich wollte nicht über ihren Wunsch hinwegsehen. Alles Gute für Euch! ♡

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