Geburtsschmerzen (der anderen Art)

Hier geht es nicht um Wehen, es geht auch nicht um den Schmerz der Entbindung, oder um Wundschmerzen nach der Geburt. Es geht um eine Art Schmerzen, der die Autorin vor der Geburt des Babysohns keinen einzigen Gedanken gewidmet hat: nämlich um den Kummer und die Scham darüber, per Kaiserschnitt, und nicht natürlich entbunden zu haben.

Richtig, Kummer und Scham. Dabei weiß jede – natürlich auch die Autorin – dass das eigentlich absurd ist!

Neun Monate lang hat mein Körper das Wunder vollbracht, einen kleinen Menschen hervorzubringen, zu nähren und wachsen zu lassen. Mein Körper war ein Zuhause, hat funktioniert, hat Erstaunliches vollbracht. Und jetzt, da die Umstände der Geburt einen Kaiserschnitt notwendig gemacht haben, fühle ich mich distanziert von meinem Körper. Als hätte er versagt, als hätte ich versagt. Warum fühle ich so?

Neulich las ich diesen Artikel in der Times: „Motherhood: What you need to know„. Die Autorin – selbst Mutter von drei Kindern – beschreibt mit einem sehr breiten Augenzwinkern, warum jede Phase des Mutterseins, angefangen von der Schwangerschaft bis hin zur Pubertät der Kinder, jeweils mit Abstand die schlimmste ist. Ich habe gelacht bei der Lektüre, mich hier und da wieder gefunden, aber nachdenklich stimmte mich doch das Kapitel zur Geburt. Denn hier findet sich genau dieses Phänomen – und wenn es stimmt, was sie schreibt, betrifft es viele Frauen: „The majority of women I know who failed to have a natural birth – and I include myself in this – believe just that: that they failed.

Ihre Begründung ist, dass Frauen einfach dafür bestimmt sind, gebären zu können. Die Geburt als Daseinsberechtigung der Frau. Unsere Gene und die vielen Generationen von Frauen vor uns (viele von ihnen Mütter zahlreicher Kinder, in Zeiten als an PDA oder Kaiserschnitt nicht zu denken war) haben uns diese Bestimmung mitgegeben. Und dann: „To fail – to need to be bailed out by medical staff – is deeply wounding, often literally, to your most animal sense of womanness.

Ja, da hat sie recht. So fühlt es sich tatsächlich an. Es kommt aber noch ein weiterer Faktor hinzu, glaube ich: Mütter meines Schlages – erstes Kind mit Ü30 (Wunschkind!), Akademikerin, Perfektionistin – sind es gewohnt, ihr Leben im Griff zu haben. Wir sind seit Jahren berufstätig, können finanziell für uns selbst sorgen, benutzen unseren Kopf nicht nur zum Haare bürsten, haben schon einige ups and downs im Leben überstanden. Und so gehen wir auch ans Muttersein heran! Ich möchte alles so gut und richtig machen wie es nur geht, dabei natürlich entspannt und gelassen bleiben (oder mindestens wirken!). Ich bin reflektiert, informiere mich, lese viel. Die Geburt – so denke ich – lasse ich auf mich zukommen, versuche offen zu sein für die Dinge, die da kommen. Natürlich habe ich einen ausführlichen Geburtsvorbereitungskurs besucht! Höre ich Horrorgeschichten von Geburten, reagiere ich abgeklärt: Bei mir wird es schon irgendwie klappen, das haben schließlich ein paar andere Frauen vor mir auch schon hinbekommen…

Und dann klappt es eben doch nicht so, wie erhofft. Und es bleibt die nagende Frage: Habe ich es vielleicht einfach nicht geschafft, loszulassen? Die Kontrolle abzugeben an diesen wirklich animalischen Vorgang des Gebärens? Habe ich mich ängstigen lassen von den Schreien der Frauen in den benachbarten Kreißsälen? Letzteres definitiv ja. Man kann sich eben auf so etwas nicht vorbereiten, vor allem nicht beim ersten Kind. Und diese Situation ist Müttern von meinem Schlage fremd.

Mein Kaiserschnitt war nach 27 Stunden Plackerei medizinisch indiziert. Es war kein Not-Kaiserschnitt, aber die Ärzte und Hebammen haben mir dringend dazu geraten. Der Eingriff ist gut verlaufen, die Naht längst super verheilt, und – das wichtigste natürlich: Ich bin Mutter dieses wunderbaren, quietschgesunden Babysohns geworden. Trotzdem frage ich mich: Was, wenn ich vor 100 Jahren entbunden hätte? Hätten mein Kind und ich zu denen gehört, die eine Geburt nicht überleben? Oder hätte ich es doch für uns beide „geschafft“?

2 Gedanken zu “Geburtsschmerzen (der anderen Art)

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