Denn sie wussten nicht, was sie tun

Von der zweiten Lebenswoche an kann Ihr Kind selbstverständlich den ganzen Tag draußen an der frischen Luft stehen, und es schadet dabei nicht, wenn es regnet oder schneit„, sagt mit ernster Stimme der bekittelte Arzt in dem Fernsehausschnitt aus den 60er Jahren, und ich denke, haha, sehr witzig. Denn so etwas Herzloses kann der ja schließlich nicht ernst meinen…

Gute Ratschläge

Plötzlich fällt mir wieder ein, dass eine liebe alte Dame sich mit mir über das schöne Wetter im Geburtsmonat des Babysohns freute: „Ach wie schön, dann kannst du ihn tagsüber auf den Balkon stellen!“ Und ich dachte damals, klar, Sonne ist gut gegen seinen Ikterus, sie meint bestimmt eine Viertelstunde, während ich daneben sitze, oder so… Zumal es sich um eine sehr liebevolle und fürsorgliche Person handelte, mehrfache Mutter, Oma und Uroma.

Ähnlich ein anderer Rat der mir von einer anderen ebenso lieben alten Dame zuteil wurde: Ich solle besser nicht so lange Elternzeit nehmen, denn sonst würde womöglich noch zwischen dem Baby und mir eine enge Bindung entstehen, die ja nunmal danach, wenn ich wieder arbeite und das Leben irgendwie weitergeht, schmerzhaft getrennt werden müsse. Also besser gar nicht erst binden? Gar nicht erst eine echte, liebevolle Beziehung aufbauen, in der die Bedürfnisse des Nachwuchses ernst genommen und befriedigt werden, und zwar die emotionalen und sozialen ebenso wie die physischen?

Zum Glück wissen wir heutzutage, wie wichtig eine sichere Bindung für die Entwicklung unserer Kinder ist. Zum Glück leben wir in einer Gesellschaft, die es uns ermöglicht, uns Zeit für unsere Babies zu nehmen. Zum Glück haben wir mit dem Internet eine gigantische Informationsquelle jederzeit zur freien Verfügung, die es uns nicht nur erlaubt, uns eine eigene fundierte Meinung zu bilden, sondern auch, uns im Handumdrehen mit Gleichgesinnten auszutauschen und zu vernetzen.

Die Angst vor dem tyrannischen Kind

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Jetzt bloß nicht trösten! Copyright Bethany Petrik, flickr.com

All diese Möglichkeiten hatten unsere Mütter und Großmütter nicht! Sie bekamen ihre Kinder in Zeiten, die vom grausigen Erziehungsstil Johanna Haarers geprägt waren. Die Lungenfachärztin veröffentlichte 1934 ein Buch, welches zum bis heute meistverkauften Erziehungsratgeber in Deutschland werden sollte: „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind.“ Die zentrale Botschaft: Kindern müsse von Geburt an mit äußerster Härte und Unnachgiebigkeit begegnet werden. Schreit das Kind, gab Haarer folgenden Rat: „Dann, liebe Mutter, werde hart! Fange nur ja nicht an, das Kind aus dem Bett herauszunehmen, es zu tragen, zu wiegen, zu fahren oder es auf dem Schoß zu halten, es gar zu stillen. Das Kind begreift unglaublich rasch (…). Nach kurzer Zeit fordert es diese Beschäftigung mit ihm als ein Recht, gibt keine Ruhe mehr, bis es wieder getragen, gewiegt oder gefahren wird – und der kleine, aber unerbittliche Haustyrann ist fertig.“ Diese Herangehensweise traf voll den Zeitgeist. Schon seit der Industrialisierung, also weit vor der NS-Zeit, war das Klima Babies und Kleinkindern gegenüber stetig kälter geworden. So fielen Haarers Thesen von Abhärtung und Distanz auf äußerst fruchtbaren Boden.

Nach dem Krieg wurden allzu offensichtliche Nazi-Begriffe aus dem Buch entfernt, aufgelegt wurde es aber mitsamt seiner kinderfeindlichen Ansichten bis 1987. Die Historikerin Mirjam Gebhardt untersucht, wie lange die Werke von Frau Haarer und ähnliche Literatur in der deutschen Pädagogik nachwirkten. Sie konnte zeigen, dass bis in die 80er Jahre hinein in den einschlägigen Erziehungsratgebern immer wieder davon die Rede ist, bereits im Umgang mit Säuglingen sei Konsequenz ausgesprochen wichtig und auch gelegentliches Schreien lassen könne nicht schaden. Danach erst hat ein allmähliches Umdenken angefangen. Die Generationen unserer Eltern und Großeltern aber sind geprägt von der Angst, ihre Kinder „zu verziehen“.

Nachsicht mit ungebetenen Rat-Gebern

Es kann also nicht schaden, sich ab und zu bewusst zu machen, woher die überholten Ansichten kommen, die uns häufig von älteren Familienmitgliedern oder Bekannten vorgekaut werden und die uns nerven: Unsere Schwiegermütter, Omas und Tanten wissen es nicht besser und haben es nicht anders gelernt. Sie meinen es in aller Regel gut, möchten uns helfen. Sie sind nicht hartherzig oder bösartig, im Gegenteil, häufig sind sie traurig darüber, dass sie nicht in einer Zeit Kinder bekamen, in der es selbstverständlich ist, die Dinge so machen zu können, wie man möchte. Wahrscheinlich hätten auch sie gerne ihren Babies mehr Nähe geschenkt, aber es war verpönt und ihnen wurde eingeredet, sie würden den Kleinen damit schaden.

Ich habe mir vorgenommen, mich daran immer mal wieder zu erinnern, wenn ich gereizt bin angesichts „guter Ratschläge“ wie „Schreien kräftigt die Lungen“ (tut es nicht). Wir können uns wirklich glücklich schätzen, dass wir in friedlichen und entspannten Zeiten wie diesen leben und Kinder bekommen, in Zeiten der Meinungs- und Informationsfreiheit, und in Zeiten von Beziehung statt Erziehung. Das Video von Quarks & Co, dem auch der oben erwähnte Fernsehausschnitt entstammt, macht deutlich, wie drastisch sich der Umgang mit Babies und Kleinkindern in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt hat. Wenn ich es jetzt anschaue, verspüre ich Mitleid mit den gezeigten Babies, mit ihren Müttern, und vor allem: Erleichterung. Erleichterung darüber, im Hier und Jetzt zu leben, und meinen Babysohn nach Herzenlust verwöhnen zu dürfen! ❤

Ein Gedanke zu “Denn sie wussten nicht, was sie tun

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