Baby-led Wiebitte? 7 Antworten zum Beikoststart mit BLW.

Der Babysohn ist nun gut 5 Monate alt, und vor einigen Tagen hat er sein erstes Schneidezähnchen bekommen. Irgendwann in den nächsten Wochen wird er wohl beikostreif sein und wir werden mit Baby-led Weaning (BLW) beginnen. Weil ich die vielen Fragen förmlich riechen kann, die da aus dem Bekannten- und Verwandtenkreis kommen werden :), versuche ich direkt mal vorab, ein paar Grundlagen zu erklären:

Was ist Baby-led Weaning?

Baby-led Weaning wird im deutschen Sprachgebrauch meistens mit „babygesteuerte Beikosteinführung“ übersetzt. „Weaning“ bedeutet aber auch: Entwöhnung. Das heißt, BLW bedeutet auch: babygesteuerte Entwöhnung von der Muttermilch. Diesen Aspekt finde ich wichtig, denn das bedeutet, dass frau es ganz allein dem Baby überlässt, wann es weniger Milch trinken möchte. Und das ist auch der springende Punkt im Unterschied zur „herkömmlichen“ Beikosteinführung: Bei BLW gibt es keinerlei „Fahrpläne“, anhand derer Stillmahlzeiten durch Breimahlzeiten ersetzt werden. Sondern dem Baby wird zwar zu allen Mahlzeiten der Familie auch etwas zu Essen angeboten, aber es wird die ganze Zeit weiter voll gestillt, so dass es das Essen spielerisch und im eigenen Tempo entdecken kann. BLW ist also besonders gut geeignet für Babies, die bislang nach Bedarf gestillt wurden und nicht nach Stundenplan.

Ein weiterer wichtiger Faktor beim BLW ist, dass das Baby nicht gefüttert wird, sondern selber isst – dazu weiter unten mehr.

Was bedeutet „beikostreif“?

Verdauungs- und Immunsystem eines Babies sind in seinen ersten Lebensmonaten ausschließlich auf die Aufnahme von Muttermilch (die gegebenenfalls durch Premilch ersetzt werden kann) ausgelegt. Die derzeitige Empfehlung der WHO (Weltgesundheitsorganisation) lautet, dass ein Baby etwa ab Vollendung des sechsten Lebensmonates an feste Nahrung herangeführt werden soll (feste Nahrung meint hier: etwas anderes als Muttermilch oder entsprechende Ersatzprodukte). Obwohl es Fertigbreis gibt, die laut Hersteller bereits ab dem 4. Lebensmonat verträglich sind, existieren keine wissenschaftlichen Studien, die einen so frühen Beikoststart stützen. Im Gegenteil: Bekommt ein Baby vor dem Ende des ersten Lebenshalbjahres Brei, steigt das Risiko einer Unterversorgung, weil Breis stärker sättigen, aber nicht so kalorienreich und ausgewogen zusammengesetzt sind, wie Muttermilch. Wird aufgrund einer frühen Beikosteinführung bereits vor dem 6. Monat abgestillt, sind auch Infektions- und Allergierisiken höher als bei voll gestillten Kindern.

Woran aber erkenne ich, ab wann mein Baby „beikostreif“ ist, also, ab wann sein Körper in der Lage ist, sich mit fester Nahrung auseinander zu setzen? Am besten ist es, auf bestimmte Signale zu achten, die zeigen, dass der Säugling sich weit genug entwickelt hat, um eben nicht mehr „nur“ zu saugen. Die Angaben zu den sogenannten Zeichen der Beikostreife unterscheiden sich leicht. Ich habe in folgender Grafik zusammen gefasst, was in dem Buch „Baby-led Weaning“ von Gill Rapley und Tracey Murkett erklärt ist. Aber auch in dem Blog „Der Apfelgarten“ gibt es gute Infos zur Beikostreife, die sich nur wenig von den Angaben des Buches unterscheiden, ebenso wie hier, bei den Rabeneltern.

Am wichtigsten ist letztendlich meiner Meinung nach das Bauchgefühl der Eltern, die ihr Baby am besten kennen und ein Gespür dafür haben, wann es losgehen kann. Letztendlich ist es ja ganz einfach: Um essen zu können, muss ich sitzen können, muss Dinge mit der Hand zum Mund führen können, und in der Lage sein, Dinge im Mund zu behalten, dort irgendwie weiter zu bearbeiten, und sie dann unfallfrei herunter zu schlucken. Vor allem aber muss ich überhaupt essen wollen! Die „falschen Zeichen der Beikostreife“ hingegen bedeuten nicht, dass das Baby nun reif für feste Nahrung ist oder gar diese benötigt. Es handelt sich einfach um normale und nicht besorgniserregende Entwicklungen und Veränderungen bei Kindern im Alter von 4-6 Monaten.

Beikostreife Bild Arial

Woher bekommt das Baby seine Nährstoffe?

Wichtig ist, dass bei BLW weiterhin voll gestillt (bzw. Fläschchen gegeben) wird und zwar nach Bedarf. Wenn das Baby allmählich entdeckt, dass man mit Essen nicht nur spielen, sondern auch davon satt werden kann, wird es von selbst anfangen, allmählich die Milchmengen zu reduzieren, die es aufnehmen möchte. Laut dem BLW-Buch von Rapley und Murkett dauert es meistens ca. 1-2 Monate, bis Babies anfangen, tatsächlich zu essen und nicht nur spielerisch Lebensmittel zu erkunden. Es gibt allerdings auch Kinder, die viel länger kaum Interesse am Essen haben und im ersten Lebensjahr fast vollständig von Muttermilch leben. Ist das Baby gesund (und die Mutter ebenfalls), nicht zu früh auf die Welt gekommen und ernährt sich die Mutter weiterhin gesund und vollwertig, ist nicht davon auszugehen, dass das Baby irgendeinen Mangel erleidet, wenn es auch über den vollendeten 6. Lebensmonat hinaus einige Zeit lang weiterhin hauptsächlich Milch zu sich nimmt. Das kann man z.B. hier nachlesen, und ich dachte mir dabei, dass es ja anderenfalls auch von der Evolution ziemlich doof eingerichtet wäre, wenn Kinder noch nicht essen können, ihnen Muttermilch aber nicht mehr genügen würde, um sich gut zu entwickeln. Von daher vertraue ich an dieser Stelle einfach auch ein bisschen der Natur.

Da ich mich selbst vorwiegend vegetarisch ernähre und zu Eisenmangel neige, werde ich nochmal meinen Eisenspiegel checken lassen und evtl. Eisen substituieren. Es ist nämlich bekannt, dass um den 6. Lebensmonat herum die Eisenvorräte aus der Schwangerschaft im Körper des Kindes allmählich aufgebraucht sind. Eisen aus der Muttermilch ist zwar sehr gut bioverfügbar, dafür muss ich aber auch ausreichend Eisen zu mir nehmen. Dass allerdings Kinder, die auch im zweiten Lebenshalbjahr hauptsächlich Muttermilch zu sich nehmen, besonders gefährdet seien, einen Eisenmangel zu erleiden, ist ein hartnäckiges Gerücht und wird zum Beispiel hier und hier gründlich widerlegt.

Was die angebotenen Lebensmittel für das Baby angeht (auch dazu unten noch mehr), muss man sich in den ersten Monaten noch nicht allzu viele Gedanken um eine ausgewogene Nährstoffzusammensetzung machen, denn anfangs wird das Baby mehr mit dem Essen spielen, als tatsächlich nennenswerte Mengen davon aufzunehmen. Man sollte natürlich darauf achten, dass man keine ungesunden Dinge anbietet (vor allem Zucker und Salz sind für Babies schlecht). Aber Nährstoffe und Energie bezieht das Baby in der ersten Zeit nach wie vor aus der Milch, so dass die angebotenen Lebensmittel diese noch nicht abdecken müssen.

Warum macht man BLW?

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Sehr empfehlenswert: Die BLW-„Bibel“ beantwortet die wichtigsten Fragen.

BLW ist für mich die logische Fortsetzung vom Stillen nach Bedarf und passt auch sonst perfekt in das Konzept, bedürfnisorientiert mit dem Baby umzugehen, finde ich. Warum soll ich meinem Kind aufzwingen, wann es zu essen hat, was und wieviel es zu essen hat? Viel logischer, respektvoller und freundlicher finde ich es, dem Baby gesunde und gut verträgliche Lebensmittel anzubieten. Ich freue mich richtig darauf, zuzuschauen, wie mein Babysohn allmählich anfängt, zu erkunden, was wir ihm anbieten!

Den Autorinnen Rapley und Murkett zufolge hat BLW außerdem eine ganze Reihe weiterer Vorteile, unter anderem:

  • Babies erfahren Lebensmittel mit allen Sinnen und lernen dabei eine ganze Menge, z.B. wie man Dinge festhält, ohne dass sie einem hinfallen, wie man Dinge zum Mund führt, abbeißt und den Rest wieder hinlegt, wie sich bestimmte Dinge anfühlen, wie sie riechen und aussehen, und dass man satt werden kann, wenn man sie isst. All das lernen Babies ohne frustriert zu werden, weil ihnen Dinge vorgegeben oder vorenthalten werden. Sie lernen es auf ihre eigene Weise und in ihrem eigenen Tempo.
  • Babies lernen, wie man kaut und schluckt, welche Stücke zu groß sind und einen Würgereflex auslösen, und welche Konsistenzen man am besten wie im Mund weiter verarbeitet. „Breikinder“ hingegen saugen angeboteten Brei vom Löffel und schlucken ihn. Erst später begegnen ihnen Dinge, die man kauen muss, und dann tun sie sich damit erstmal schwerer.
  • Babies bekommen ein besseres Selbstvertrauen, wenn sie merken, dass sie selbst in der Lage sind, zu essen. Sie möchten nachahmen, was wir Erwachsenen machen, möchten Dinge selber tun. Gelingt ihnen das, macht sie das zufrieden und lässt sie lernen, auf ihre eigenen Instinkte und Fähigkeiten zu vertrauen.
  • Babies nehmen an den gemeinsamen Mahlzeiten teil. Das steigert den Zusammenhalt in der Familie und ist für die soziale Entwicklung der Babies förderlich. Auch die fehlenden Machtkämpfe um die Breigläschen, die unbedingt geleert werden müssen (weil ja Stillmahlzeiten ersetzt werden) sind gut für ein glückliches und stressarmes Familienleben.
  • Babies lernen von Anfang an eine große Vielfalt an gesunden Lebensmitteln kennen, und sie lernen, nur so viel zu essen, wie sie möchten. Beides hilft ihnen, sich später gesund und maßvoll zu ernähren. Angeblich sind sie auch später weniger wählerisch als Kinder, deren Beikoststart über die klassische Breifütterung ablief.
  • Der Geld- und Arbeitsaufwand ist geringer, als bei Breifütterung. Extra kochen entfällt, ebenso die regelmäßigen Ausgaben für Gläschen. Stattdessen probiert das Baby einfach, was die Erwachsenen essen (vorausgesetzt, es ist einigermaßen gesund).

Wie geht das?

Naja, ich habe es ja noch nie gemacht, also kann ich das nicht aus eigener Erfahrung schildern. Die Theorie heißt: Man lässt das Baby an möglichst vielen / allen Mahlzeiten der Familie teilnehmen, sobald es beikostreif ist (s. oben). Man setzt es in einem Hochstuhl an den Tisch und stellt ihm eine kleine Auswahl geeigneter Speisen (s. unten) zur Verfügung. Wichtig ist dann, dass man das Baby machen lässt und sich nicht einmischt. Also: NICHT versuchen, zu „helfen“, NICHT zwischendurch abwischen, NICHT ermuntern oder bremsen. Einfach machen lassen, und zwar so lange, wie das Baby eben braucht. Zeigt es kein Interesse mehr: abräumen. Hat es alles aufgegessen: mehr anbieten. Solange es mit dem Essen beschäftigt ist, bleiben im Idealfall alle am Tisch, genau wie sich das anderen Familienmitgliedern gegenüber ja auch gehört. So geht das, angeblich. 🙂

Was ist so schlecht am Brei?

Der Brei ist per se erstmal nicht das größte Problem. Auch bei BLW können zwischendurch pürierte Speisen angeboten werden. Allerdings werden diese nicht gefüttert, sondern das Baby darf sie selber essen. Höchstwahrscheinlich wird es dabei kein Tafelsilber, sondern seine Finger verwenden, und höchstwahrscheinlich sind die Wände im Essbereich danach schön karottig. Deswegen wird es bei uns wahrscheinlich nicht so oft Brei geben.

Zitat Renz-Poster FütternEtwas ernsthafter, ist das Problem am Brei tatsächlich vor allem das Füttern. Babies sind wahnsinnig neugierig, wollen die Welt entdecken und wollen nachahmen, was die Erwachsenen tun. Dazu gehört (in aller Regel) nicht, mit dem Löffel Essen in den Mund gesteckt zu bekommen. Zwar gehört dazu auch nicht (in aller Regel), sich genüsslich Broccoli in die Haare zu schmieren, aber es ist eben noch kein Meister vom Himmel gefallen. Füttern, vor allem wenn es nicht richtig gemacht wird, kann respektlos und unfreundlich sein. „Breischlachten“ können Kindern die Freude am Essen gründlich verderben. Warum also sollte man sich das ganze Theater antun, wenn es unnötig und möglicherweise sogar schädlich ist?

Und um nochmal kurz zum Brei zurück zu kommen: Ich persönlich finde Breis ausgesprochen unappetitlich und unästhetisch. Ist es nicht viel schöner, die Bestandteile des Essens erkennen, ertasten, erschnuppern zu können, anstatt eine matschige Pampe vorgesetzt zu bekommen? Ein grünes Broccoliröschen, das aussieht wie ein kleiner Baum, ist doch ein faszinierendes Ding. Ein Stückchen Birne fühlt sich toll an. Was steckt unter der Schale einer Pellkartoffel? All diese Entdeckungen bleiben „Breikindern“ vorerst verwehrt.

Davon abgesehen, sind vor allem industriell gefertigte Babybreis inhaltlich auch nicht gerade das Gelbe vom Brei, äh, Ei: Sie sind häufig zu süß, zu salzig und zu ungesund, wie sich z.B. hier beim Stern nachlesen lässt.

Was kann man denn den Babies zu Essen anbieten?

Dazu ließen sich trefflich zahlreiche ellenlange Artikel verfassen, denn Ideen für Mahlzeiten und Rezepte gibt es so viele! Das würde aber hier den Rahmen sprengen und außerdem werde ich sicher in den nächsten Monaten in dieser Hinsicht immer wieder Beispiele bloggen. Deshalb zusammenfassend folgendes: Das Baby kann beinahe alles probieren, was gesund ist. Dazu gehören NICHT:

  • Lebensmittel, die aufgrund ihrer äußeren Form eine Erstickungsgefahr für das Baby bergen, also z.B. Nüsse, Kerne oder Gräten
  • Salzige Lebensmittel wie z.B. Fertiggerichte, gekörnte Brühe, Räucherfisch, Sojasauce
  • Junk Food wie Chips, Schokolade oder Fertigpizza
  • Zuckerhaltige Lebensmittel wie unverdünnte Fruchtsäfte, Fruchtjoghurt, Kuchen
  • Konservierungsstoffe, Farbstoffe, Geschmacksverstärker
  • Roher Honig
  • Rohes Ei

Bei den Getränken sollten natürlich koffeinhaltige, gesüßte und kohlensäurehaltige Getränke gemieden werden. Auch Milch tierischen Ursprungs sollte frühestens mit einem Jahr angeboten werden.

Das soll für den Anfang reichen, genauer werde ich darauf in weiteren Artikeln zum Thema Baby-led Weaning eingehen. Wer nicht abwarten mag, dem empfehle ich zum Weiterlesen diese Links:

2 Gedanken zu “Baby-led Wiebitte? 7 Antworten zum Beikoststart mit BLW.

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